Kontiki/Bodhisattva is a film by Alfred Banze, produced at KHM Köln, Germany 1995, 70 min, Betacam
Website 1995
Text von Alfred Banze, 1995
Der Norweger Thor Heyerdahl fuhr 1947 mit seinem Floss KON-TIKI von Equador zu den Tuomotuinseln in Französisch Polynesien. Er wollte damit den Beweis für seine Drift- Theorie erbringen, die besagt, daß die Polynesier mit Flossen von Südamerika den pazifischen Raum besiedelt hätten.
Die Überfahrt gelang ihm tadellos, jedoch bewies er damit einen Irrtum. Wie inzwischen nachgewiesen wurde, ist der Pazifik von Südostasien, von Südchina über Thailand, Westmalaysia und die Südroute über Indonesien besiedelt worden.
Während mehrerer Reisen nach Ägypten, Südostasien und in die Inselwelt des Pazifik veranstaltete ich Performances in Dorfschulen, Pensionen, Kirchen, Privatwohnungen und auf Versammlungsplätzen. Ich lud zu Kinoabenden ein, mit Videoprojektionen ausgewählter Spielfilme und der eigenen Arbeit, und kombinierte diese mit Aktionen vor der Leinwand. Inszenierungen mit vorgefertigtem Material (mit Texten, Tonaufzeichnungen usw) fanden im öffentlichen Raum, in Einkaufszentren und Museen, oder in der Natur statt.
Für die kulturelle Entwicklung des Pazifik hatte die mediale Auswirkung der Flossfahrt der KON-TIKI grössere Bedeutung als die eigentlich zugrunde liegende Theorie. Die Simulation archaischer Reisebedingungen romantisierte die eigentlich "kalte" Überlegung des "Es ist nur das, was messbar ist.." Heyerdahls Fahrt löste ein Versprechen ein, die Welt sei zu verstehen, also zu empfinden und zu messen, ein alter Mythos, der besagt daß alle tiefen Wahrheiten einfach seien. Der Satz: "Was wir empfinden, ist auch messbar" kam in Einklang mit dem Satz: "Was messbar ist , können wir auch empfinden."
Die Messfahrt" der KON TIKI wurde zum Mythos, wurde selbst mythisches Bild tropischer Abenteuer in einer Zeit vor unserer ewigen Gegenwart. Mir dient KON-TIKI als Metapher für eine Umgehensweise mit Medien. Ich betreibe ein Spiel mit Beweisführungen, simuliere Argumente, adaptiere ästhetische Konzepte zum Zweck der Irritation.
Mehr noch als in unserer Welt der Spoiler und Hifi - Raumklangsimulatoren ist in der 3. Welt die Technologie der Bilder über die Köpfe des Publikums hinweggezoomt. Vielleicht können allenfalls phantastische mythologische Bilderwelten wie die der Hindus sich gegenüber den Verlockungen der modernen Geister behaupten.
An manchen Orten genießt Rambo gottgleiche Verehrung. Die Grenzen zwischen dem Cargo- Kult im Westpazifik (die Verehrung der amerikanischen Flagge, Cargokisten und Flugzeuge etc, auch eine Form der Simulation), und dem generatorbetriebenen Videospass im Häuptlingshaus ist nicht mehr zu definieren. Nun können die Ethnologen im Kino mindestens genausoviel über ihre Forschungsgebiete erfahren, wie an den alten Versammlungsplätzen. Ähnlich wie beim Voodoo in Haiti findet im Westpazifik eine Abkehr vom christlichen Glauben statt, eine Situation, in der es für Missionare neuer Glaubensgemeinschaften reichlich zu tun gibt.
Die Fahrt mit einem Floss versuche ich auf einen Einsatz der Bildsprache in meiner Arbeit zu übertragen. Die Tonmischungen und viele Bild- im- Bild- Effekte sind unterwegs entstanden.
In medialen Umsetzungen wissenschaftlicher Beweisführungen werden ästhetische Analogien als "unbewusste" Argumentationshilfen benutzt. Ein schönes Beispiel dafür, wie so etwas völlig überzogen aussieht, ist die Arbeit von Erich von Däniken, die, wenn man sie als künstlerisches Gesamtkonzept begreifen könnte, einen Ehrenplatz im Museum bekommen müsste. Er versuchte mit Hilfe einer Vielzahl ästhetischer Analogien zwischen archäologischem Material und Äußerlichkeiten moderner Technologien, einen Besuch intelligenter Besucher aus dem Weltraum in historischer Zeit zu beweisen.
Bei KON-TIKI / BODHISATTVA werden die Analogien offensichtlich und willkürlich hergestellt, gottgleich und unverzeihlich.
Man vernimmt in dieser Arbeit kein einziges von mir formuliertes Wort. Alles, was gesagt wird, ist Zitat, und jedes Zitat wird einzeln und in Partikeln gewogen. Auf die eine Seite das Herz, auf die andere Seite eine Feder. "Ist das Herz leichter als die Feder, kommst du ins Paradies."
Der Kunstgriff des Schweigens bewirkt eine Virtualisierung der gefilmten Wirklichkeit, da die Bezugsperson des Zuschauers, die Kunstfigur Alfred Banze, sich scheinbar ausserhalb seines Interieurs bewegt.
Die Herrschaft ästhetischer Analogien ist in den Vordergrund gestellt. Jeder Wirklichkeitsausschnitt hat sich diesem Prinzip untergeordnet. Somit springen die Bilder vom ethnologischen Museum in eine TV-Werbung, vielleicht in ein herausgenommenes Detail, in ein Dorf in Vanuatu, in eine Mall in Singapur, ohne daß dies besonders auffällt.
Auf die Frage, wo das Paradies sei, und wie es aussehe, versuche ich die Antwort zu geben: Hier. Wir leben mitten darin. Es ist die Welt der Bilder, ein Garten, der sich von den Auslagen chinesischer Wunderheiler bis zu den Ornamenten tahitianischer Schnellrestaurant-Tischdecken erstreckt, von Teufelchen in schweizer Kirchendachstühlen bis zu pseudoraketengetriebenen Berg- und Talbahnen im winterlichen Warschau.
Es war meine Absicht,die Rede vom "globalen Dorf" ins Dorf zu tragen, die Redner wurden als Bild gezeigt, das Publikum zeigte sich verwundert. Die Interviews zu religiösen Dingen, zu Märchen, Phantasien, zu jeglicher Art virtueller Welt verbinden sich zu einem grossen Palaver unterm Baum am Dorfplatz.
KON TIKI / BODHISATTVA unterstellt, daß das "ungesehenste" Tal, der letzte Winkel unserer Welt Bestandteil einer riesigen Schaufensterauslage ist. Alle Kultur, auch die sogenannte primitive ist ein Appetizer für einen ewiglichen Warenaustausch. Geschichte ist... ähnlich wie Samstagsangebote für Familien in Baumärkten (Autogrammstunde, Bier 1 DM ), sie sind saisonbedingt. Vorurteile sind hier Sonderangebote. Und Schönheit gibt es jede Woche neu für immer.
Eine Auseinandersetzung mit tropischen Kulturen ist meist eine mediale Einbahnstrasse, wobei Informationen von den exotischen Orten in die Metropolen der ersten Welt transportiert (und transponiert) werden. Eine Rückmeldung findet normalerweise erst in katalysierter Form statt, indem es den Bewohner der Tropen zusteht, die heimgebrachten Klischees ihrer Kultur zu überbieten (Bimbo).
Die Behauptung der kulturellen Eigenständigkeit einer Region ist immer nur der Versuch eines Durchsetzens gegenüber einer Übermacht. Im negativen Sinne könnte man diese Situation als angespannt bezeichnen, die positive Wertung wäre STREITKULTUR. Ich muss offen gestehen, daß ich mich in solchen Gegenden am wohlsten gefühlt habe.
Vor jedem ersten Blick steht das Klischee des ersten Blickes. Und so gesehen (beobachtet?), ist jeder ungesehene Bewohner des Waldes ein Ungesehener, dies zeichnet ihn aus.
Die Landnehmer fahren, so gut auch ihre individuelle Absicht gemeint ist, auf den kollektiven Schienen der Landnahme. So hatte meine Arbeit, der Transport von Informationen in die Länder der vermeintlichen tropischen Paradiese, etwas missionarisches. Meine Kleidung war schwarz, mein Humor bitter. Und meine Tätigkeit konnte letztlich doch nur ein Geschäft sein. So musste meist zuerst geklärt werden: woher hast du das Geld? Which Company, Gouverment? Yes.
Und letztendlich, es stimmt ja auch, es ist ein Geschäft, die Arbeit des Künstlers ist ein Handel mit schwierigen Waren, wie in einem Lied von Georg Kreisler, in dem ein Händler alte Röcke für Männer zu verkaufen hat. Aber das Geschäft geht schlecht, nun ja, was willst du machen?
Text von Siegfried Zielinski, Medienwissenschaftler und Gründungsrektor der Kunsthochschule für Medien in Köln, 1996
Film ist ein seltsames Medium. Wenn er passiert - auf der Leinwand, auf dem Schirm - scheint sich alles zu bewegen. Moving Images. Eine subtile Täuschung, denn nur durch die schnelle intermittierende Abfolge von ruhenden Elementen wird in unseren Köpfen und Herzen der Eindruck von Bewegung erzeugt. Die Zuschauer hingegen sind völlig ruhiggestellt vor der Schnittstelle zwischen realer und imaginarer Welt.
Was wirklich in ständiger Bewegung sich befindet beim Filmemachen ist hingegen der Produktionsprozeß, ist der Filmemacher, sind die Schauspieler, die Statisten, die Kamera- und Tonleute ... "Passion" - Leiden und Leidenschaft treiben sie in den besten Fallen voran auf der Suche nach Bildern vom Paradies oder der Hölle, die sie anderen nahebringen wollen. Nur beim Schnitt, in der Postproduktion, in der Montage wird der Film in aller Regel wieder ausgesessen.
Alfred Banze hat sich für sein neuestes Projekt die Fiktion von einer Bewegung vorgenommen. Als Thor Heyerdahl nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinem Floß KON-TIKI das große Wasser zwischen Equador und den Tuomotuinseln uberquerte, wollte er damit beweisen, daß die Polynesier mit solchen archaischen Schwimmgeraten von Südamerika aus den Pazifik besiedelt hatten. Die Wissenschaft belehrte ihn spater eines besseren. Gleichwohl bewies der Norweger etwas sehr Wertvolles: nämlich, daß seine Einbildungskraft nicht bodenlos war. Die Geschichte hätte sich so abspielen konnen.
Der Film, der nun als eine Realisierungs-Variante des KON-TIKI-Projekts Alfred Banzes entstanden ist, schöpft aus diesen beiden Quellen seine Kraft: aus der Bewegung und aus dem phantastischen Raum zwischen Fiktion und Realitat.
Wie ein post-kolonialer Nomade reiste Banze auf der Suche nach dem Paradies von Südostasien in den Pazifik und vollzog damit quasi die Bewegung der realen Geschichte nach. Im Gepäck hatte er die neuzeitlichen Artefakte und Heilsversprechungen, Medienaufnahme- und Abspielgerate, Videobänder, Filme, Texte, Musikinstrumente. In schier unglaublichen Vorführungen, Konzerten, Projektionen und Performances prasentierte er im Alleingang die Blicke und Töne seiner, der westlichen Welt auf das Paradies, ließ sie mit den vor Ort gefundenen kulturellen Gesten und Ausdrucksformen kollidieren und sammelte zugleich die Ansichten von Eingeborenen und anderen Nomaden auf der Suche nach dem Paradies über Gott, über die Ursprunge, über das, was die Welt zusammenhalt und auseinanderdriften läßt.
BODHISHATTVA, das grosse Gefährt, ist dabei durchaus auch im materialästhetischen Sinne zu verstehen. Denn viele der Verbindungen zwischen den heterogenen Welten entstanden tatsächlich auf der Reise und an den verschiedenen Orten: durch den Körper des agierenden Künstlers, durch die Präsenz seiner Medientechnik, durch die Konstruktion und Mischung verschiedener Bildschichten und Klangräume vor Ort. Die Reise, die Fahrt als Arbeit an der Montage. Moving images and sounds im direktesten Sinne durch die Interaktion des Künstlers mit den Wirklichkeiten, die er auf-suchte und vor-fand.
Das Paradies - ein Mythos, der in Glücksfällen durch die zufällige Natur, durch die gelebte Wirklichkeit, durch die Augen einer Person, durch die Gestik, die Musik und die Sprache hindurch aufscheint. Kein Zustand, eher eine permanente Bewegung, ein Schweben, eine energetische Nervosität zwischen Heterogenem.